Hammelrede 2025
Verehrte Festgemeinde,
liebe Gäste aus nah und fern,
treue Hammelbrüder!
Als Vertreter der Hausener Kirmesburschen heiße ich euch zu unserem heutigen Festumzug auf das Herzlichste willkommen.
Wie schon seit 74 Jahren gute Tradition, haben wir uns auch heute – um 13:00 Uhr – hier vor unserem schönen Gemeindezentrum versammelt, um das Hammelausreiten in altbekannt würdiger Form zu begehen.
Auch in einem weiteren völlig verrückten Wahljahr haben wir wieder über Begebenheiten und Vorkommnisse in unserem kleinen, aber feinen Dörfchen nach „Hammelbruderart“ zu berichten.
Unser diesjähriger Hammel mit dem Namen „Lemmy der Leithammel“ hat unzählige große und noch größere Untaten verübt, die vor diesem hohen Gericht bekannt gemacht werden müssen.
Wir schicken jetzt Reiter und Wagen aus, um dieses heimtückische und hinterhältige Tier im Schafspelz aus seiner Herde zu erhaschen.
Reiter und Wagen, schwärmt aus!
Nachdem die Reiter ausgeschwärmt sind, um den Hammel vor dieses außergewöhnliche und gefürchtete Gericht zu stellen, beginnen wir mit der Verlesung der Anklagepunkte.
Unser diesjähriger Hammel ist unumstritten von einer Spezies, wie wir sie hier noch nicht hatten. Gemeinschaftliches Denken, Menschlichkeit und Freundlichkeit sind leider Mangelware, und wenn er den Mund aufmacht, glaubt man, dass er von künstlicher Intelligenz gesteuert wird.
Eine erneute große Reihe von Anklagepunkten haben wir heute vom traditionellen Kirmesburschengericht vorzubringen.
Den Saisonstart dieses Kirmesjahres konnte der Hammel mal wieder nicht abwarten, um mit seinen Dummheiten und Streichen durchzustarten. So beobachtete er von außen durch das Fenster des Gemeindesaals, dass zum Kirmesfreitag viele Burschen zu fortgeschrittener Zeit wieder einmal vergeblich auf ausreichend einheimische Gäste warteten.
Um den derzeit noch wenigen anwesenden Hammelbrüdern und Gästen die Baustelle trocken zu legen, stellte der Hammel unserem 5-Sterne-Gastwirt so hinterlistig ein Bein beim Abladen von Getränken, dass er übel stürzte. Voller Schmerzen ließ er aber niemanden das ganze Wochenende im Stich, obwohl er am folgenden Tag die Diagnose eines gebrochenen Fußes bekam.
Als Lemmy am Samstag zum Tanz wieder am Fenster stand und der Saal voll und voller wurde, kam seine Stunde, um eine weitere Körperverletzung zu planen. Er hatte es gleich auf einen Hammelbruder in bester Stimmung abgesehen, dem er bei der Heimkehr auflauerte und gegen das heimische Treppengeländer schubste, wo er sich eine üble Platzwunde zuzog. Seine kurze Abwesenheit bereute der Hammel aber später zutiefst, als er davon hörte, dass viele Gäste ausgelassen auf den Tischen tanzten und Bier aus ihren Tanzschuhen tranken.
Beim Kirmesumzug, der für viele Gäste wieder ein tolles Erlebnis war, gingen auch dieses Jahr wieder allen, die Spaß an großen und kleinen Motto-Projekten haben, die Ideen nicht aus. Es gab jede Menge Herzdamen und Könige, gute und böse Engel und fleißige Nachwuchskirmesburschen mit ersten eigenen Projekten zu sehen. Der aufgebrachte Fleiß für die aufwendigsten Kostüme aller Zeiten brachte auch im zweiten Jahr in Folge bei der Wagenprämierung einen ersten Platz – ohne Wagen – ein. Der allen bekannte ortseigene Linienbus kam erstmals auch beim Kirmesumzug zum Einsatz, in dem einige Hammelbrüder sich so wohl fühlten, dass sie dort die ganze Nacht verbrachten und allerhand Unsinn anstellten.
Da der Hammel aufmerksam ist und an dieser Stelle gleich seine Chance auf eine weitere Untat witterte, reihte er sich in diese Aftershowparty ein und stiftete die Hammelbrüder an, irgendwelche Wrestling-Moves auszuprobieren, was in blauen Flecken und Prellungen endete, als sie gemeinsam aus dem Bus fielen. Einen von ihnen hatte der Hammel besonders im Visier und stiftete ihn an, sich dermaßen volllaufen zu lassen, dass er am nächsten Tag nicht in der Lage war, das Burschenamt zu besuchen. Das Problem war nur, dass als Vorstandsmitglied und hauptamtlicher Fahnenträger eine empfindliche Strafe in Form eines ganzen Fasses Bier für Abwesenheit in der Kirche fällig wurde.
Deshalb wurde er in diesem Jahr vom Hammelvorstand auf eine Besserungsmission nach Asien ausgesendet, um dort sein Glück zu finden und eine holde Maid nach Hause zu führen. Sie soll ihm in Zukunft den Hammel vom Hals halten und Ordnung und Disziplin bescheren.
Der Kirmesmontag stand dann wieder unter einem besseren Stern. Gleich zwei Fässer Freibier lockten endlich wieder mehr Gäste auf unseren Saal, das Ganze unter dem Motto „The Show must go on“ – mit eisgekühlter Musik, bester Laune und den Menschen, die Gemeinschaft und Geselligkeit nicht vergessen haben. Die gute Stimmung konnte dieses Jahr auch der Hammel nicht verhindern, als er zum Frühschoppen mit einem Paketdienstauto im Dorf umherirrte und in seiner Dummheit mit einem Amazon-Auto kollidierte, dem wegen unserer gewöhnungsbedürftigen Straßenführung schwindlig geworden war. So konnte sich unser Gastwirt mit frisch eingegipstem Fuß und einem Fass Bier zu seinem 40. Geburtstag ungestört von allen Gästen hochleben lassen.
„Kirmes soll sein!“ Zum Wohl!
In einem weiteren Punkt wird dem Hammel zum wiederholten Male vorgeworfen, das gemeinschaftliche Leben hier im Ort gezielt zu stören. Das traditionelle Hausener Fußballerlebnis Unterdorf gegen Oberdorf wurde rücksichtsvoll auf das mögliche Antenne-Thüringen-Fest in Niederorschel auf einen späteren Zeitpunkt verschoben. Dieses Event ging leider trotz großer Unterstützung vieler Zwillingspärchen in einer Antenne-Thüringen-Aktion für Niederorschel ganz knapp an Sömmerda verloren. Hilfsbereit und kumpelhaft wie Sau – so sind wir Hausener nun mal – gab es sogar ein Radiointerview, in dem ein Hausener Zwillingspaar ganz professionell Werbung für Niederorschel gemacht hat. Der Dank dafür ist nun, dass unsere berühmte Fußballtradition bei nächstbester Gelegenheit im Nachbarort eiskalt kopiert wurde.
Auch weitere Veranstaltungen und Events in unserem Heimatort sabotierte der Hammel, wo er nur konnte – mit mehr oder weniger Erfolg. So machte er sich an der Kettensäge unseres HCV-Präsidenten zu schaffen, die ihn zwei Tage vor dem großen Büttenabend schwer verletzte und aus dem Programm nahm. Unser kleiner Mann hinterließ dadurch eine so große Lücke zum Büttenabend, dass gleich zwei Ersatzpräsidenten notwendig waren, um seine Fußstapfen würdig zu füllen.
Ein weiterer Streich folgte vom Hammel, als er beim traditionellen Auftritt des Hausener Männerballetts zum Weiberfasching in Niederorschel seinen blanken Allerwertesten präsentierte – angeblich vollkommen spontan und ohne Hintergedanken. Beim Hausener Sommerfest kam der Hammel auch wieder voll auf seine Kosten. Organisiert von den Hausener Vereinen, entstand ein Super-Gaudi, wie wir ihn lange nicht mehr erlebt haben. Die tolle Stimmung am Samstagabend war einmalig, und so wurde der eigentlich für unsere kleinen Gäste aufgebaute Pool mit Wasserrutsche und Heizung ein Spaß für kleine und große Kinder bis in die späten Abendstunden.
Das hatte der Hammel sich so nicht vorgestellt, als er im Vorfeld die Einladung zu diesem Fest an alle Bewohner im Hausener Ortskanal mit einem Kotze-Smiley kommentierte und damit die Motivation und Vorbereitungen der Hausener Vereine mit Füßen trat. Stattdessen hätte er sich lieber unters eigene Volk mischen sollen. Dann hätte er auch das „berauschende“ Erlebnis gehabt, als unser stellvertretender HCV-Präsident – so wie Gott ihn schuf – einen Meter Kaltgetränke am Bierwagen abholte.
Auch eine legendäre Erfindung gab es beim Sommerfest: eine neue Getränkemischung mit Bier und der allen bekannten 21er-Brause – früher hergestellt in der Hausener Brauerei, so viel Zeit muss sein – soll aufgrund ihrer Farbe den gewöhnungsbedürftigen Namen „Menstruationssuppe“ bekommen. Die neue Rezeptur wurde natürlich urheberrechtlich geschützt, da schon gemunkelt wurde, dass ein großes österreichisches Brauseunternehmen sofort ein Auge darauf geworfen hat.
Nun zu weiteren Schandtaten unseres Hammels, dessen Schlechtigkeiten scheinbar keine Grenzen haben. So zog er eines Tages im Ort umher und verwirrte gleich zwei Autofahrer unabhängig voneinander mit seinem Geschwätz, sodass diese ihre Autos beide mit falschem Kraftstoff betankten und in die Werkstatt mussten. Selbst ein danach geliehener Ersatzwagen gab nach einem Tag auf mysteriöse Art und Weise auch den Geist auf.
Wenn das die Lösung dafür sein soll, dass wieder markierte Parklücken frei werden und eine Fahrt durch Hausen kein Riesenslalom mehr ist, dann soll er erst einmal abwarten, bis die Schöllbornstraße fertig ist und es dann einen Rundkurs mit Zeitmessung für Hobby-Lückenspringer gibt.
Weiter wird dem Hammel vorgeworfen, sich auf einer auswärtigen Kirmes danebenbenommen zu haben, indem er auf dem Festsaal eine Zigarette anzündete und es fast zu Handgreiflichkeiten kam. Ein Zeichen des mangelnden Fleißes einiger unserer Hammelbrüder wollte Lemmy setzen, indem er zum Mittelalter-Weihnachtsmarkt am Eingang des Ausschankzeltes ein Schild mit der Aufschrift „Zum müden Burschen“ platzierte.
Seiner heutigen Anklage und Verurteilung wollte der Hammel entgehen, indem er mit einem Traktor die Vorstandskutsche schwer beschädigte. Um eventuelle Zeugen auf seiner anschließenden Flucht abzuschütteln, entwendete er hinter dem Gemeindesaal eine Reihe von Kfz-Kennzeichen und zog diese Fahrzeuge gezielt aus dem Verkehr. Kurz aufgehalten wurde er dabei auf seiner Flucht mit dem Diebesgut in der Tasche, als er im Oberdorf jemanden beim Anfüllen von Erde an seinem Grundstück beobachtete. Um neuen Ärger zu schüren, informierte er umgehend einen fachkundigen Ökologen und einen Ordnungshüter, um zu prüfen, ob sich in der Erde belastete Stoffe befinden oder nicht.
Seltsame Wetterphänomene sind ja in Hausen mittlerweile nichts mehr Neues. Tagesweise anhaltendes Sommerwetter bei 30° brutto schien sofort vom deutschen Fiskus besteuert, und so gab es mehr nasskaltes Wetter unter 20° als warmes. Dauerregen und auch kurze Starkregenschauer sorgten dafür, dass gleich zwei große Bäume umstürzten. Während der Hammel mit fünf Feuerwehrautos vor einem dieser Bäume stand und die Zuständigkeit zur Beseitigung klären musste, wurde der zweite umgestürzte Baum in Nullkommanichts und ganz pragmatisch von einer Handvoll Kindern mit einer Handbügelsäge ofenfertig verladen.
Ganz gegen den Trend in Deutschland, wo alles stagniert und die Wirtschaft vor großen Problemen steht, geht es bei uns in Hausen produktiv weiter, und man kann mit großer Freude größere und kleinere Bauprojekte beim Wachsen beobachten. Ganz nach dem Motto „Geduld ist stärker als Gewalt“ lässt sich ein Häuslebauer ganz in Eigenleistung nicht aus der Ruhe bringen, wenn er über die Straße sieht, wie dort in Rekordzeit ein Megaprojekt aus dem Boden schießt. Selbst unser Spielplatz machte im Sommer die versprochenen Fortschritte, und man hörte viele positive Meinungen.
Die letzten Hoffnungen, nach jahrelangem Kampf den geplanten Radweg zwischen Hausen und unserer Obergemeinde zu realisieren, zerschlug der Hammel, indem er sich weiterhin querstellt, das letzte entscheidende Stück Land an die Gemeinde zu verkaufen. Der nächste Bauabschnitt für die Straßen- und Kanalerneuerung hat in diesem Jahr dann die Bewohner der Schöllbornstraße erreicht. Um die Straßenführung für Lemmys Slalom-Rundkurs im richtigen Konzept zu halten, mussten sich einige Anwohner schmerzhaft von ihren schönen Vorgärten und Einfahrten trennen. Selbst der berühmte Schöllborn, der dieser Straße den Namen gibt, muss unfreiwillig umziehen.
Für die Dauer der Bauzeit werden natürlich Außenparkplätze für die Anwohner benötigt. Ihre Autos versperren aus Platzgründen seitdem die Zufahrt zur weltbekannten Wallfahrtsscheune im Winkel – der Ort, an dem es auserlesene Weine zur Verkostung gibt und der mittlerweile auch unüberhörbar einen Proberaum für eine Oldie-Rockband im Obergeschoss beherbergt.
Im letzten Punkt für heute, nun zum Highlight dieses Jahres: Nach einer etwas größeren Pause fand endlich wieder das Rockfestival HOA statt. Für diese beeindruckende Organisationsmeisterleistung mit dem Motto „Rock meets Blasmusik“, für alle Geschmäcker, machte sogar das schlechte Wetter für drei Tage eine ehrfürchtige Pause. Merchandising-Produkte, die bis über die Grenzen von Berlin verkauft wurden, und Werbebanner bei einem anderen bekannten Festival haben das Potenzial, Hausen weltberühmt zu machen. Und was machte der Hammel? Er hatte wieder nichts Besseres zu tun, als im Schutz der Internetanonymität mit unsachlichen Kommentaren Unruhe zu stiften. Da sich Lemmy scheinbar über jeden einzelnen Gast beim Event ärgerte, schloss er hinterlistig einem Besucher sein nagelneues Hoftor von innen zu, welches beim Versuch, es zu später Stunde zu überklettern, derben Schaden erlitt. Musikgeschmack hin oder her – so ein Event für so einen kleinen Ort ist eine ganz große Nummer! Danke und ein lautes Prost auf das Orga-Team!
In diesem Sinne schließen wir hiermit die Anklagepunkte und gehen zur Urteilsverkündung über. Wir verurteilen hiermit, am heutigen Kirmestage, den Hammel zu folgenden Strafen:
Im ersten Punkt: Er hat in Zukunft nicht mehr durch politische Meinungsverschiedenheiten das Dorfgemeinschaftsleben zu stören und hat dafür zu sorgen, dass das so oft beworbene Wahlmotto „Wir sind EINS und gemeinsam stark“ auch gelebt wird.
Des Weiteren hat er im zweiten Punkt: Wegen seines Vandalismus am Klettergerüst des Hausener Spielplatzes für die dringend ausstehende Sanierung des Kleinfeldfußballplatzes aufzukommen und diese durchzuführen.
Im dritten und letzten Punkt: Er wird zu 200 Stunden gemeinnütziger Arbeit verurteilt, um sich in die Grünpflege des Ortes einzubringen, und er hat sich der von vielen Einwohnern nicht wahrgenommenen Straßenreinigungspflicht anzunehmen – diesmal ohne Überstundenvergütung. Wenn unser schöner Ort traurigerweise schon als „Randdorf der Einheitsgemeinde“ betitelt wird, muss dieser nicht auch noch so aussehen. Außerdem hat er die gesamten Kosten des Verfahrens in Form von zwei Fässern Freibier zu tragen. Anschließend wird er dann seinem Scharfrichter übergeben.
Auch im nächsten Jahr soll es hier in unserem Heimatort wieder heißen: „Kirmes soll sein!“ Wir freuen uns heute schon wieder auf alle Gäste, Einheimische, Altheimische und die, die extra über Land kommen, um uns hier jedes Jahr die Treue zu halten. In diesem Sinne schließen wir diese Sitzung und möchten uns für euer zahlreiches Erscheinen bedanken.
Im Namen aller Hammelbrüder wünschen wir noch frohe und nette Stunden hier. Bleibt gesund und munter.
Bis zur nächsten Kirmes grüßen:
Die Kirmesburschen
Geschrieben 2025 von
David Schäfer

